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Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung (Infos)

verfasst von Sarah(R), 26.06.2019, 08:11

DDR-LITERATUR
Träge Textgattung
»Hochideologisch«: Tagung zum Umgang mit DDR-Literatur in Leipzig


Das »beste Buch über die DDR« erschien lange nach ihrem Ende im Jahr 2007: Werner Bräunigs (1934–1976) Roman »Rummelplatz«. Das meint der Leipziger Schriftsteller Norbert Marohn in seinem Essay aus dem Jahr 2016 »Die Angst vorm Anderen. Literarische Versuche in vier Jahrzehnten DDR«. Er trug seinen Text zu Beginn einer Tagung vor, die unter dem Titel »Leseland ist abgebrannt? Zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990« am vergangenen Sonnabend in Leipzig stattfand. Sie wurde gemeinsam von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und der örtlichen Regionalgruppe des Rotfuchs-Fördervereins getragen, mehr als 60 Interessierte waren gekommen und beteiligten sich lebhaft an der Diskussion.

Das Paradox: Bräunigs Roman, der in der DDR nicht erscheinen durfte, hatte bei seiner Veröffentlichung beachtlichen Erfolg. Marohn sieht in »Rummelplatz« ein Buch, das »spezifisch Unverwechselbares« der DDR-Literatur zeige: ihre Existenz im Kalten Krieg, d. h. »nicht nach eigenen Bedingungen«. Wo Bräunig eine »utopische Lösung« gesucht habe, spiegelten allerdings die Essays von Christa Wolf, Franz Fühmann und Volker Braun ab den 70er Jahren, als die DDR »stabiler denn je« gewirkt habe, beunruhigende Erscheinungen gesellschaftlicher Stagnation.

Die Vielfalt der DDR-Literatur hob auch die Publizistin Sabine Kebir hervor. Sie schilderte die Werkgeschichte Elfriede Brünings (1910–2014), deren »Alltagsprosa« in Westdeutschland nie beachtet worden sei. Dabei habe sie seit ihren ersten Veröffentlichungen in der Weimarer Republik konsequent ein Thema verfolgt, das durch den Feminismus seit den 70er Jahren aktualisiert worden sei: Frauen als »patriarchalisch ausgebeutete Objekte, die Subjektstatus beanspruchen«. Die Referentin, die 2016 eine umfangreiche Biographie Brünings vorgelegt hatte, schilderte u. a., wie deren Haltung immer wieder zu Konflikten mit prüden Auffassungen von Geschlechterverhältnissen in der KPD, aber auch in der DDR führte.

Auch die weniger bekannten DDR-Autoren, etwa Verfasser von Kriminalliteratur oder Science Fiction, hätten 1990 nicht aufgehört zu schreiben, betonte der Verleger und Literaturwissenschaftler Matthias Oehme, Leiter der Eulenspiegel-Verlagsgruppe. Die DDR-Literatur habe unter radikal veränderten Bedingungen weiterexistiert. Er zeigte u. a. an Hand einer Lesung aus Uwe Kants Roman »Mit Dank zurück« aus dem Jahr 2000, was das bedeutete: Verlust an Lesern, Verschweigen oder Häme in den Medien, Verschwinden des Lektorats, dafür Aufblähung des Marketings, neue Konflikte zwischen Verlagen und Autoren, weil letztere sich schlecht behandelt fühlen. In der Flut der 90.000 Titel, die heute jährlich auf dem Buchmarkt erscheinen, gehen diejenigen, die sich auf die DDR beziehen, unter.

Allerdings sei der Umgang mit der DDR-Literatur nach wie vor »hochideologisch«, erklärte der Literaturwissenschaftler Kai Köhler, der über deren Darstellung in Lexika und Handbüchern sprach. Gerade weil diese »träge Textgattung« als objektiv gelte, erreiche sie hohe Wirksamkeit – erst recht nach der Einführung des Bachelorstudiums im Jahr 2000, das sich vorrangig auf Sekundärquellen stütze. Was dort stehe, gelte als »gesicherte Information«, dabei hänge die Gewichtung von Zufällen ab, die Beiträge zu Autoren oder Werken seien stark verkürzt oder verzerrt. So befasse sich der Wikipedia-Eintrag zu Hermann Kant (1926–2016) mehr mit dessen Akte beim Ministerium für Staatssicherheit als mit seinem Werk. Köhler analysierte den Wandel der Bewertungen vor und nach dem DDR-Anschluss u. a. in den verschiedenen Auflagen von »Kindlers Literaturlexikon«. Wer »staatsnah» war, erhalte nach 1990 kritischere Noten. Analoges gilt nach ihm auch für andere »Standardwerke«. So finde in Reiner Ruffings »Deutsche Literaturgeschichte« von 2019 DDR-Literatur auf sechs Seiten von mehr als 300 statt. DDR-Autoren bezeichne Ruffing als »rigide Fans des Sozialismus«. Heiterkeit erzielte Köhler, als er den Wandlungen in der 1981 erstmals erschienenen und seither oft aufgelegten »Kleinen Literaturgeschichte der DDR« des Bremer Germanisten Wolfgang Emmerich nachging. Dessen Blick auf die DDR, der er einen »Kredit« eingeräumt habe, habe sich nach eigenen Worten nach 1990 »nicht unbeträchtlich verändert« – von »kein Rechtsstaat« bis zu »Loyalitätsfalle Antifaschismus«. Köhler: Statt ästhetischer gebe es nur politische Wertung – bei Milderung des Tons.

Die Zeitschrift Marxistische Blätter http://www.neue-impulse-verlag.de/kategorie/marxistische-blätter veröffentlicht in ihrem im Juli erscheinenden Heft zur DDR-Kultur u. a. Beiträge von Sabine Kebir und Kai Köhler.

(Aus: junge Welt; Ausgabe vom 26.06.2019, Seite 10 / Feuilleton)
http://www.jungewelt.de/artikel/357...literatur-träge-textgattung.html

 

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