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Christine(R)

02.11.2026, 21:06
 

Randgruppencombo in Dresden 2 - Bericht von Hartmut Helms (allgemein)

Dort, wo er stehen würde, steht heute sein Hocker und seine Gitarre daran angelehnt. Die Weggefährten aber freuen sich, singen ihm von der „Kleinen Traurigkeit“ und erinnern mit „Hungerherzen“ an ihn, der die Musik von Springsteen so sehr liebte. Ich freue mich über „Krieg“, dessen friedliche Botschaft ich so liebe, gerade in diesen kriegerischen Zeiten. In Liedern wie diesem und all den anderen fühle ich mich aufgehoben und mitgenommen mit meinen Gedanken. So scheint es vielen im Saal zu gehen, die lauthals und textsicher bei „Leine los“ mitsingen und bei „Gras“, das immer wieder wächst, einen stimmgewaltigen Chor alle Ehre machen. Hier wird gerade ein schönes Fest gefeiert und ich darf mittenmang dabei sein. In diesen Minuten bin ich glücklich, wirklich sehr dankbar und das Loch im Herzen ist weit offen, damit viel hinein kann. Natürlich auch das stolze Gefühl vom „Hier bin ich gebor’n (wo die Kühe mager sind, wie das Glück“, während vor mir „Überlebe wenigstens bis morgen“ erklingt. Hat was!

Eines meiner Lieblingslieder aus dem Gundermann-Erbe ist das vom „Gras“, das immer wieder wächst, „bis die Sensen ohne Hass ihre Kreise ziehn“. Da liegt so viel symbolträchtige Kraft und Energie drin, dass man meint, seine Gefühl daran auftanken zu können. Deshalb bin ich ja auch hier ….

…. und erlebe auch wieder mal Neues, als Uschi nach vorn tritt und das „Scheißspiel“ rezitiert. Was für eine geile Idee! Da ist es wieder, dieses trotzig-ironische Gefühl, was man Jahrzehnte danach (und älter geworden) immer noch mit sich herum trägt. Es hat sich vieles geändert, nur nicht so, dass man glücklich und zufrieden leben könnte: Scheißspiel eben. Deshalb singe ich auch ganz lauthals mit, als „Alle oder keiner“ an der Reihe ist: „Fernseher aus, Sternschnuppen an!“, wieder so ein Bild voller Gleichnisse. Was für ein befreiendes Gefühl, singend schreien zu können, wenn es so viele mit mir tun!

Beim „Vögelchen“ lausche ich hingegen still und andächtig, genieße die vom Text gemalten Bilder und entdecke mich in ihnen. Woher nur nahm dieser Gundermann diese zarte sprachliche Wucht und wieso musste erst Heiner Kondschak (tief aus dem westlichen Tübingen) kommen, um für uns diesen Schatz wieder neu zu entdecken, zum Leben zu erwecken. Dass er damit so ganz nebenbei hierzulande eine Art „Gundermann-Revival“ für alle auslöste, sei ihm postum gedankt. Ich sehe ihn grinsen. Deshalb fällt es mir letztlich auch leicht, „Ich mache meinen Frieden“, samt einem Doppel-Bass-Solo, zu lauschen und das finale Miteinander aller zu genießen. Ich bin voller Adrenalin, überglücklich und ein wenig älter.

Nach knapp drei Stunden erklingt „Keine Zeit mehr“, und alle singen danach leise und intensiv „Alle, die gehen wollen, sollen gehen können“. Da sind der dicke Kloß in meinem Hals und die Erinnerungen an die Wendezeit wieder da. Wie wir alle hier stehen und gemeinsam diese Worte quasi heraufbeschwören, empfinde ich als einen sehr magischen Moment. Ich schlucke den Kloß runter und bin erst erlöst, als die Musiker der Randgruppencombo sich vor uns zum Abschiedsbild formieren. Wie, schon zu Ende? Mir ist nach mehr, zumindest aber nach einer Zugabe. So denkt die geballte Fan-Macht auch und deshalb taucht noch der „Fliegende Fisch“ zu uns auf: „Wie soll ich leben in der dünnen Luft, die ihr verbraucht für euer Marktgeschrei? Ihr hört ja nicht, wenn einer Hilfe ruft. Hier unten hört man meilenweit.“ Die Worte sind mit viel Leichtigkeit und Weitsicht in heutige Tage transformiert. Was hätte uns dieser Typ vielleicht heute alles zu sagen und Mut zu verteilen, doch so ein neuer Typ ist nirgends am Horizont zu sehen! Schade, sehr schade.

Zum Abschluß und als Abschied singen sie uns noch „Weißtdunoch“. Dann stehe ich da, am Rande der jubelnden Menge, und bin fasziniert von diesem erneuten emotionalen Erlebnis. Ich wünsche mir, dies möge keine endgültige Entscheidung sein und es möge neue Termine geben. Vielleicht auch einer in Leipzig, dann muss ich bis zur „Tankstelle der Verlierer“ nicht so weit fahren. DANKE Euch allen, fühlt Euch umärmelt und vielleicht bis Leipzig (oder so).

Nachtrag: In der Pause bat ich Tini, einen Harzstein von mir für Heiner auf dessen Hocker zu legen. So als letzten Gruß von einem Fan sozusagen. Das hat sie getan und gemeint, der würde mit nach Tübingen reisen und einen Platz auf Heiner’s Grab finden. Mir fehlen die Worte. DANKE.

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