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Sarah(R)

08.07.2019, 06:09
 

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera (Gesellschaft)

Der lesenswerte interessante vollständige Artikel ist auf Seite 20 und Seite 21 hier zu finden:
http://rotfuchs.net/files/rotfuchs-ausgaben-pdf/2019/RF-258-07-19.pdf

Neu erschienen:
Rotfuchs

In der »Tribüne für Kommunisten, Sozialisten und andere Linke« schreibt Peter Steiniger über Brasilien unter Präsident Jair Bolsonaro als »Land des Rückschritts«. Matin Baraki untersucht, ob es zu einem Krieg der USA gegen Iran kommt. Wolfgang Herrmann erinnert an den Sieg der Sandinisten in Nicaragua vor 40 Jahren, Jobst-Heinrich Müller richtet einen Blick auf die Schülerproteste »Fridays for Future«. Ralf Jungmann zeigt am Beispiel der Stadt Gera in Thüringen, wie Kommunen in Ostdeutschland schrumpfen. Ralph Dobrawa schildert, wie der Kommunist und Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul bereits 1932 die Vorboten nazistischen Terrors erlebte. Ralf Hohmann schreibt über das Verbot der FDJ durch die Adenauer-Regierung Anfang der 1950er Jahre. Außerdem: Ein Text aus dem Jahr 1984 von Gisela Steineckert über eine jüdische Polin, die Auschwitz überlebte. (jW)

Rotfuchs, Nr. 258/259, Juli/August 2019, 32 Seiten, kostenlos, Spende erbeten. Bezug: Rainer Behr, Postfach 820231, 12504 Berlin, Tel.: 030/98389830, E-Mail: vertrieb@rotfuchs.net

Beate(R)

09.07.2019, 17:34

@ Sarah

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Die deutsche Einheit stand kurz bevor, als der Kanzler den Mund ganz schön voll nahm: "Blühende Landschaften" - die sollte es künftig im Osten des wiedervereinigten Deutschlands geben, versprach Helmut Kohl im Juli des Wahljahres 1990. Glaubte er wirklich, was er da sagte? Wohl nicht. Später räumte Kohl intern ein, die Öffentlichkeit über den Zustand der "neuen Bundesländer" im Osten belogen zu haben.
Das zeigt nach SPIEGEL-Informationen die Abschrift eines Gesprächs, das Kohl mit Beratern am 22. Oktober 1999 führte. Es geht darin um eben dieses berühmte Wahlkampfversprechen von 1990. Kohl hatte im Juli dieses Jahres erklärt: "Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt."
Und ein Jahr später legte er nach: Er sei "mehr denn je davon überzeugt, dass wir in den nächsten drei bis vier Jahren in den neuen Bundesländern blühende Landschaften gestalten werden".

Tatsächlich erlebte der Osten Deutschlands jedoch die schwerste Wirtschaftskrise seit 1945. (...)

Kohl gewann die Bundestagswahl im Dezember 1990 deutlich: Die Union bekam 43,8 Prozent der Stimmen.

(Zitat: Der Spiegel, 26.05.2018)

Beate(R)

12.07.2019, 09:37

@ Beate

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Sind Kohlfelder etwa keine blühenden Landschaften!
© Martin Gerhard Reisenberg (*1949), Diplom-Bibliothekar und Autor

...oder haben wir uns alle etwa voll verkohlen lassen?!!!
(Beate)

Pfeffi(R)

12.07.2019, 22:32

@ Beate

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Die Jahre 1990 und danach waren für viele Ostdeutsche eine enorme Umstellung. Auch ich wurde 1990 (pünktlich am 3.10.!) zum ersten Mal arbeitslos. Aber: Es folgten neben befristeten Projekten mehrere ABM, und die wurden fair bezahlt, und mit Rentenpunkten. Der wirklich absolute Absturz nicht nur für mich war das Jahr 2004 - Schröders verachtende, demütigende Hartz-Gesetze. Die Ein-Euro-Jobs bedeuteten praktisch: Halbierung des Lohnes für die gleiche Arbeit. Und keine Rentenpunkte mehr. Ober-Kapitalist Schröder raubte (ähnlich Robin Hood) den Armen das Geld und verteilte es an die Reichen. Von böswilligen Bemerkungen gegenüber Arbeitslosen ganz zu schweigen.

Trotz seiner blühenden Landschaften: Lieber Kohl als Schröder! Zum Glück haben die Menschen das richtig erkannt und werden die SPD bald unter die 5 Prozent Hürde wählen, wo sie hingehört. Was leider viel zu spät kommt.

Sarah(R)

13.07.2019, 07:46

@ Pfeffi

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Lesenswert!
Passend zum Thema heute das interessante große Wochenendgespräch aktuell in der jW:

POLITISCHE SOZIOLOGIE DER »WENDE«
»Der Osten wird vom Westen verwaltet und beherrscht«
Ein Gespräch mit Yana Milev. Über die kulturkoloniale Dominanz der BRD, die Mär von der »Wiedervereinigung« und die Ähnlichkeiten der DDR mit der Schweiz

http://www.jungewelt.de/artikel/358...en-verwaltet-und-beherrscht.html

Sarah(R)

14.07.2019, 09:29

@ Sarah

Praxistest: 30 Jahre Blühende Landschaften Ost?

» Lesenswert!
» Passend zum Thema heute das interessante große Wochenendgespräch aktuell in
» der jW:
»
» POLITISCHE SOZIOLOGIE DER »WENDE«
» »Der Osten wird vom Westen verwaltet und beherrscht«
» Ein Gespräch mit Yana Milev. Über die kulturkoloniale Dominanz der BRD, die
» Mär von der »Wiedervereinigung« und die Ähnlichkeiten der DDR mit der
» Schweiz

» http://www.jungewelt.de/artikel/358...en-verwaltet-und-beherrscht.html

Interessant für Rockfans in diesem Zusammenhang:
Yana Milev agierte in den Multi-Media-Inszenierungen wie „Horror Vacui“ und „In Aspik“ u. a. mit den Musikern Bo Kondren (Ornament&Verbrechen), Paul Landers, Christian Lorenz (beide Feeling B und Rammstein), André Greiner-Pol (Freygang).

Sarah(R)

14.07.2019, 09:54

@ Pfeffi

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Zum Thema gibt es ein lesenswertes Buch in den Bibliotheken, das man mit großem Gewinn lesen kann:

War das die Wende, die wir wollten?
Gespräche mit Zeitgenossen

von Burga Kalinowski
320 Seiten, 14,5 x 21 cm, brosch.

War das die Wende, die wir wollten?
Diese Frage bewegt bis heute die Menschen im Osten. Aus den Antworten darauf ist ein ungewöhnliches Buch entstanden – kritisch, nachdenklich, zornig. Ehrlich.
Mit dabei: Hans-Eckardt Wenzel (Musiker und Regisseur), Jutta Wachowiak (Schauspielerin), Ronald Paris (Maler und Grafiker), Rainer Kirsch (Schriftsteller), Peter Bause (Schauspieler), Daniel Rapoport (Wissenschaftler), Victor Grossman (Journalist), Gisela Oechel­haeuser (Kabarettistin), Peter-Michael Diestel (Anwalt), Walfriede Schmitt (Schauspielerin), Gerd Fehres (1989/1990 Botschafter in Ungarn), Manfred Stolpe (Ministerpräsident a. D.), Nico Hollmann (Musiker Funkband Mondie), Willibald Nebel (Kalikumpel Bischofferode), Alicia Garate (chilenische Emigrantin) und vielen anderen bekannten Persönlichkeiten.

Autorin: Burga Kalinowski
Burga Kalinowski, in Österreich geboren und in der DDR aufgewachsen. Sie lernte Bibliothekarin, ging ans Theater und entschied sich schließlich für den Journalismus. Nach der Wende war sie frei tätig für Fernsehen und Printmedien. Sie führte u. a. Interviews mit Stephane Hessel, Walter Momper, Friedrich Schorlemmer, Hans Modrow, Florian Havemann. Kalinowski lebt in Berlin.

http://www.eulenspiegel.com/verlage...s-die-wende-die-wir-wollten.html

Beate(R)

16.07.2019, 07:54

@ Sarah

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Ansichten über die Zeit vor und nach der Wende, unsere Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen, unsere Erinnerungen, findet man auch in diesem unerschöpflichem Reservoir von Literatur, welches hier alphabetisch aufgeführt ist und die im Buchhandel oder Bibliotheken zu erhalten sind:
http://www.erinnerungsbibliothek-ddr.de/uns.htm

Beate(R)

19.07.2019, 07:26

@ Beate

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Glasperlenspiele
Die Kanzlerin besuchte die Kolonien. So kam es einem zumindest vor, als Angela Merkel durch Sachsen reiste. Die Presse spekulierte, ob das Oberhaupt der zivilisierten Welt den wilden Horden ganz ohne Schutztruppe etwas entgegensetzen könne.
Der Sturm fiel dann doch geringer aus als erhofft. 50 Pegida-Anhänger versammelten sich in Dresden zum „Buh“-Schreien. Der „Merkur“ berichtete darüber minutiös, Pegida-Chef Lutz Bachmann hätte dafür eigens eine Spontandemonstration angemeldet. Würde über jede linke Spontandemonstration so viel geschrieben, fiele die Lächerlichkeit der Berichterstattung auf.
Die Kanzlerin brachte den Ureinwohnern unerschrocken Geschenke mit. Joe Kaeser hatte die Glasperlen im Gepäck. Der Siemens-Chef will Sachsen aus der Steinzeit in die Jetzt-Zeit katapultieren und mit Landesregierung und Fraunhofer-Gesellschaft auf seinem Görlitzer Werksgelände einen Innovationscampus entwickeln. High-Tech-Firmen, Start-ups und Institute für die Wasserstoffforschung sollen sich dort ansiedeln. In Aussicht gestellt werden Investitionen von etwa 30 Millionen Euro sowie 100 neue Jobs. Das klingt nach blühenden Landschaften, wie der Eroberer Helmut Kohl sie bei der Landnahme der DDR versprach.
Parallelen zu den Ereignissen vor gut 30 Jahren lassen sich nicht von der Hand weisen. Damals gab es anstelle der versprochenen Bananen und Videorekorder die Enteignung volkseigener Betriebe durch Privatunternehmen aus dem Westen. Heute soll ein Monopolist aus dem Westen den Ausstieg aus dem Braunkohletagebau in der Region durch Innovationen meistern. Klar ist, Siemens wird profitieren. Ob die Kolonialisierten ihre Nöte mit den Glasperlen lindern können, ist zu bezweifeln.
Quelle: unsere zeit, Ausgabe vom 19. Juli 2019
http://www.unsere-zeit.de/de/5130/i...litik/11788/Glasperlenspiele.htm

Acki(R)

30.07.2019, 00:38

@ Sarah

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

In den letzten Tagen erschienen unter anderem im "SPIEGEL" http://www.spiegel.de/plus/egon-kre...0000-0002-0001-0000-000164759130, vierseitig im "TAGESSPIEGEL"http://www.tagesspiegel.de/gesellsc...laudierten-sie-mir/24701300.html, grosse aktuelle Interviews mit Egon Krenz über die Zeit vor der Wende und den 30 Jahren "blühende Landschaften" danach, über den Gundermann-Film, über sein neuestes Buch http://www.eulenspiegel.com/verlage...st/titel/wir-und-die-russen.html.

Auszug aus dem TAGESSPIEGEL-Interview mit Egon Krenz vom 29.07.2019 zu Gundermann:

"Welcher bundesdeutsche Spielfilm über die DDR gefällt Ihnen am besten: „Sonnenallee“, „Good Bye, Lenin!“ oder „Das Leben der Anderen“, der den Oscar gewann?
Die DDR so negativ wie möglich darzustellen, ist heute fast eine Garantie dafür, einen Preis zu bekommen.

Haben Sie diese Filme gesehen?
Natürlich. Wobei ich durchaus einräume, dass es zunehmend auch differenziertere Darstellungen gibt, etwa „Gundermann“ von Andreas Dresen. Selbst wenn die in diesem Film gezeigten Funktionäre durchgängig als gefährliche Trottel erscheinen – ganz ohne Klischees geht's eben noch immer nicht – hat mir der Film sehr gefallen. Ich habe ihn mir in Rostock angeschaut, in meiner Heimatstadt Ribnitz-Damgarten sind mit der DDR auch das Kino und andere Kultureinrichtungen verschwunden.

Acki(R)

30.07.2019, 10:06

@ Acki

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Ja, es gibt einen längeren Textauszug aus dem neuesten, seit 11. Juli erhältlichen aktuellen Buch von Egon Krenz, veröffentlicht in der "jungen Welt" vom gleichen Tag: http://www.jungewelt.de/artikel/358...nde-das-vergessene-gespräch.html

Acki(R)

01.08.2019, 00:16

@ Pfeffi

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

» Der wirklich absolute
» Absturz nicht nur für mich war das Jahr 2004 - Schröders verachtende,
» demütigende Hartz-Gesetze. Die Ein-Euro-Jobs bedeuteten praktisch:
» Halbierung des Lohnes für die gleiche Arbeit. Und keine Rentenpunkte mehr.
» Ober-Kapitalist Schröder raubte (ähnlich Robin Hood) den Armen das Geld und
» verteilte es an die Reichen. Von böswilligen Bemerkungen gegenüber
» Arbeitslosen ganz zu schweigen.
»
» Trotz seiner blühenden Landschaften: Lieber Kohl als Schröder! Zum Glück
» haben die Menschen das richtig erkannt und werden die SPD bald unter die 5
» Prozent Hürde wählen, wo sie hingehört. Was leider viel zu spät kommt.

Pfeffi, ich gebe Dir recht, das die Agenda 2010, HartzIV, Ein-Euro-Jobs, Leiharbeit, Zeitarbeit, Rentenkürzungen für alle auf 48% für die Ostdeutschen (denn auch die Gleichstellung der Ost-Renten mit West-Renten wurde nach 30 Jahren immer noch nicht vollzogen und soll weitere 6 Jahre dauern) - Rentenstrafrecht -, wesentlich niedrigere Löhne in Ost als West, für Frauen gegenüber Männern und viele grosse Ungerechtigkeiten mehr wie die pauschale Diskriminierung der DDR-Biografien, der tiefste und demütigendste, der erniedrigendste Einschnitt für alle Menschen nach der Wende war und ist.
Hinzu kommen der erste Auslandskrieg Deutschlands nach 1945 gegen Ex-Jugoslawien und und und...
Aber; initiiert wurde das zwar von einer SPD- und Grünen-Regierung, aber alle Bundestagsparteien, auch Kohls und Merkels CDU, die CSU, FDP und auch seit Gründung die AfD unterstützen bis heute all dieses vollständig mit. Einzige Ausnahme ist die PDS bzw. Die Linke, die von Anbeginn gegen diese sozialen Ungerechtigkeiten kämpfte (z. B. "HartzIV - Armut per Gesetz!").
Ich finde auch bis heute den von allen Parteien unterstützten Verkauf von kommunalen Wohnungen an private Heuschrecken in Dresden und Berlin - auch von Teilen der PDS - nicht gut. Die z. T. kaum noch bezahlbaren Wohnungsmieten zeugen heute davon.
Unterm Strich als Fazit: SPD und Grüne haben zwar das tiefste Unrecht eingeführt - aber mit voller 100%er Unterstützung von Kohls und Merkels CDU/CSU, FDP und jetzt der AfD bis heute.

Pfeffi(R)

01.08.2019, 17:12

@ Acki

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Lieber Acki,
ja, das ist natürlich klar, dass nicht nur die SPD, sondern auch Grüne, CDU/CSU, FDP daran eine Mitschuld tragen, indem sie dem zugestimmt haben. Und dass die AfD heute auf der gleichen Wellenlänge liegt.
Dass die Linke die einzige Partei war und ist, die immer dagegen gekämpft hat, weiß ich zu schätzen.

Übrigens habe ich zufällig in einem Forum gelesen, wie sich westdeutsche Leute das Leben in der DDR vorgestellt haben. Selten habe ich so etwas Absurdes gelesen. Dass wir den ganzen täglichen Zwang, Angst und Folter überlebt haben....! Da sieht man, was jahrelange Manipulation durch Medien und bestimmte Filme und Bücher anrichten können. Da fällt mir ein Lied des "Duo Sonnenschirm" ein (Auszug): "Du warst stets frei, wir überwacht. Du hattest Stress, wir ham' gelacht".

Sarah(R)

08.09.2019, 06:58

@ Pfeffi

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Jeder dritte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Ostdeutschland arbeitet trotz Vollzeitbeschäftigung im Niedriglohnsektor. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Demnach gibt es in Ostdeutschland mehr als 1,2 Millionen in Vollzeit Beschäftigte, die ihre Arbeitskraft für weniger als 2 203 Euro brutto im Monat verkaufen müssen. Das entspricht einem Anteil von 32,1 Prozent aller ostdeutschen Lohnabhängigen. Im Vergleich dazu liegt der Anteil der Niedriglohnempfänger in Vollzeitjobs in den westdeutschen Bundesländern bei 16,5 Prozent.
Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie nach der sogenannten „Wende“ auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine „Sonderwirtschaftszone Ost“ errichtet wurde. Helmut Kohl versprach damals blühende Landschaften. Bei der Betrachtung des Wildwuchses auf den Industriebrachen der ehemaligen Kombinate und volkseigenen Betrieben hat der Altkanzler auf zynische Weise Wort gehalten. Bei den Industriebetrieben, die den Kahlschlag durch die Treuhand überstanden, handelt es sich meist um „verlängerte Werkbänke“ westlicher Konzerne. Die unternehmerischen Entscheidungen bis hin zu Werksschließungen und Entlassungen dort werden längst in Stuttgart, München oder Frankfurt/Main gefällt.
Generell gilt in Ostdeutschland: Es wird länger gearbeitet als im Westen und für weniger Lohn. Tarifverträge sind zwischen Oder und Neiße fast so exotisch wie Schneeflocken im August. So sind in Thüringen gerade noch 12 Prozent der Betriebe in der Tarifbindung. Das ist der soziale Nährboden auf dem es der AfD gelingt, Wahlergebnisse wie zuletzt in Sachsen und Brandenburg einzufahren.
Der DGB startet eine Internetkampagne, die sich nicht an den bekannten gewerkschaftlichen Wahlprüfsteinen orientiert. Die Menschen sollen in ihrer berechtigten Wut abgeholt und ihnen ein Gegenentwurf zu den rassistischen Scheinlösungen der AfD vorgeschlagen werden. Der Grundgedanke ist, dass die eigene soziale Lage nicht durch ein Kreuz bei den Rechtspopulisten verbessert wird. Die Alternative ist, sich zu organisieren und solidarisch für die eigenen Interessen zu kämpfen.
Die zentrale Botschaft ist, auf die eigene Kraft zu bauen und in den Gewerkschaften für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen.
(uz, 06.09.2019)

Sarah(R)

08.09.2019, 07:09

@ Pfeffi

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Die völlig geplünderten und nunmehr seit Jahrzehnten effektiv unter Fremdverwaltung stehenden Ostzonen-Kolonien wurden ab 1990 durch die bewährte Politik der „verbrannten Erde“ in einen Zustand versetzt, der es in den kommenden Generationen nicht mehr gestatten wird, als unabhängiges Wirtschaftsgebiet eine bemerkenswerte Rolle zu spielen. Die Kleinstaaterei in der Bildungspolitik hat durch ihr ständig sinkendes Niveau – zum Beispiel haben nach Presseangaben in Mecklenburg ein Drittel der neu eingestellten „Lehrer“ als Quereinsteiger keine pädagogische Ausbildung – dafür gesorgt, dass im Zusammenhang mit der intensiven Einflussnahme privater Medien schlichte und leicht zu leitende Menschen die Schulen verlassen.
Wem diese Medien gehören, dürfte bekannt sein. Die Standard-Tageszeitungen der Ostzone sind wohl auch alle fest in westdeutscher Hand, so dass die Herren in Ludwigshafen bestimmen, was in Chemnitz gedruckt wird. Das und nur das wird von der Masse der Bürger aufgenommen und als eigene Meinung gespeichert.
Deshalb also wird es die Literatur der DDR in absehbarer Zeit, also mit dem Ableben meiner Generation nicht mehr geben. Da hilft es heute auch nicht, Namen wie Heinrich und Thomas Mann, B. Traven oder Kurt Tucholsky getragen zu haben. Weg damit, wenn das Produkt aus einer DDR-Druckerei stammte. So landeten und landen viele Millionen Druckwerke auf den Deponien. Die Verbrennung auf den Marktplätzen hat wohl die Umwelt-Liga wegen der Feinstaubbelastung untersagt.
Auch der Deutsche Journalistenverband und das-PEN Zentrum Deutschland möchten mit der Bewahrung von DDR-Kultur in Form von Literatur nicht belästigt werden. Wer sich für die wahrheitsgetreue Geschichtsschreibung durch die Bewahrung der Originaldokumente und ihre dauerhafte Offenlegung für die breite Volksmasse einsetzt, sieht sich der oben beispielhaft erwähnten geschlossenen Front staatlicher und wirtschaftlicher Macht und deren eindeutigen Zielen gegenüber. Damit ist Ihre Frage nach dem Verbleib der Literatur von 1945 bis 1990 aus DDR-Druckmaschinen beantwortet, ganz gleich, ob es sich um Weltliteratur handelt, eine Betriebschronik oder auch nur um das Archiv einer Schule, wie beispielsweise der meinen.(dito)

Beate(R)

25.09.2019, 09:06

@ Sarah

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

ABWICKLUNG DER DDR
Abwickeln, niedermachen, ausräumen
Die BRD und ihre Treuhand. Maßnahmenkatalog einer Annexion


Quelle: junge Welt, 24. September 2019, Seite 12

Hier: http://www.jungewelt.de/artikel/363...keln-niedermachen-ausräumen.html

Acki(R)

26.09.2019, 11:35

@ Beate

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Deutsche Einheit: Propaganda und Manipulation zum Jubiläum
Die Bundesregierung verweigert in ihrem Bericht zur deutschen Einheit 30 Jahre nach dem Mauerfall die Aufarbeitung der Wende-Verbrechen. Zusätzlich werden die Ungerechtigkeiten der Gegenwart kleingeredet. Unterstützt wird die Politik bei dieser Verzerrung von zahlreichen Medien: Gemeinsam wollen sie sich von den eigenen Verfehlungen distanzieren.

Sehr interessant zu lesen! http://www.nachdenkseiten.de/?p=55148

Acki(R)

13.10.2019, 05:39

@ Acki

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Gregor Gysi in Leipzig als Redner am 9. Oktober, dem 30. Jahrestag der großen Wende-Demo:
"In der DDR gab es aber ... in sozialer, leider nicht in politischer Hinsicht, mehr Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur, keine Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Mieten, wenngleich viele Wohnungen auch in keinem besonders guten Zustand waren. Kündigungen von Arbeitsverhältnissen und Wohnungen oder gar Zwangsräumungen waren eine Rarität. Aber zum Kapitalismus passen bestimmte Dinge nicht. Trotzdem dürfen wir nie vergessen, was durch die Einheit zunächst gesichert und dann auch gewonnen wurde. Sie war und bleibt ein historisch wichtiges Ereignis, das die große Mehrheit unserer Bevölkerung begrüßte und begrüßt.

Die Art und Weise aber, wie sie vollzogen wurde und wird, hatte und hat Fehler.

Ein Stück Ost- und Westeuropa wurden vereinigt. Man hätte dies – so wie es Gorbatschow vorschlug – auch nutzen können, um weder Osteuropa noch Westeuropa zu bleiben. Man hätte neutral und zu dem wesentlichsten Vermittler weltweit bei Konflikten werden können. Egal, ob es um den Konflikt Israel – Palästina, Russland – Ukraine oder andere geht. Stattdessen hat man sich entschieden, nicht nur in der NATO zu bleiben, sondern unsere Soldatinnen und Soldaten weltweit zu entsenden. Die erste Rolle wäre vielen, auch mir, schon aus historischen Gründen deutlich sinnvoller erschienen. Sie scheint mir auch mehr den Wünschen der Demonstrantinnen und Demonstranten vom 9. Oktober 1989 zu entsprechen. Eine solche Rolle zu spielen, kann man übrigens auch heute noch als NATO-Mitglied anstreben.

Ein weiterer Fehler bestand darin, dass die Bundesregierung und der Bundestag nicht bereit waren, irgendetwas an der Symbolik ihres Landes wegen des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zu verändern. Weder beim Namen des Landes noch bei der Hymne noch bei der Fahne noch beim Emblem noch bei der Bezeichnung irgendeiner Bundesbehörde. Man war auch nicht bereit, entsprechend Art. 146 des Grundgesetzes dieses durch eine neue Verfassung, die in einem Volksentscheid hätte bestätigt werden müssen, für das vereinigte Deutschland zu ersetzen. Wenn man aber zwei Völker, auch wenn es zwei deutsche Völker sind, miteinander vereinigt und dem einen Volk sagt, dass es nicht wert ist, dass auch nur ein Komma an der Symbolik des anderen und dann vereinigten Landes verändert wird, löst man tiefe psychologische Folgen der Demütigung aus, die bis heute wirken.

Weiter weigerte sich die Bundesregierung, Besseres aus dem Osten, wie zum Beispiel die höhere Gleichstellung der Frauen, die Polikliniken, die Berufsausbildung mit Abitur für ganz Deutschland zu übernehmen. Das hätte das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gestärkt. Und die Westdeutschen hätten durch uns auch eine Steigerung ihrer Lebensqualität erfahren. Das aber haben sie nicht erlebt. Stattdessen wurde der Osten nur nach dem Bilde des Westens geformt, ohne die Kompetenzen und Erfahrungen der Ostdeutschen – gerade auch beim Umbruch – als Chance für das gesamte Land zu begreifen. Damit nahm man den demokratischen Selbstbefreiungsdrang großer Teile der DDR-Bevölkerung weder ernst noch erwies man ihm den verdienten Respekt. Es ist nach 30 Jahren nun höchste Zeit, dies zu korrigieren. Auch mit gleichen Löhnen in gleicher Arbeitszeit und gleichen Renten für die gleiche Lebensleistung in Ost und West. Außerdem muss es endlich gemäß Art. 36 des Grundgesetzes so viele Ostdeutsche in Führungspositionen geben, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Der Bevölkerungsanteil liegt bei 17 Prozent, der bei den Führungskräften nur bei 1,7 Prozent.

Ich will nicht weiter darauf eingehen, dass auch die künstlerischen, wissenschaftlichen und anderen Eliten nicht vereinigt wurden, dass der Überschuss an westdeutschen Eliten viele Leitungsfunktionen im Osten übernahm, so dass auch ein Gefühl der Fremdbestimmung entstand, etwas, was wiederum dem Selbstbewusstsein der Demonstrierenden vom 9. Oktober 1989 zutiefst widerspricht.

Letztlich war es auch ein Fehler, die Treuhandanstalt so zu gestalten, dass die ostdeutsche Wirtschaft nur passgerecht gemacht wurde für die westdeutsche, anstatt eine eigenständige zuzulassen und zu entwickeln.

Die Demonstrantinnen und Demonstranten vom 9. Oktober 1989 und die anderen Demonstrierenden in dieser Zeit wollten das Gegenteil von dem, wofür heute diejenigen stehen, die neue Mauern errichten wollen, Hass gegen Andersdenkende verbreiten, nationalen Egoismus predigen. Deshalb haben diese nicht das geringste Recht, sich auf die Wende, auf den Selbstbefreiungsdrang der Menschen und schon gar nicht auf den damaligen friedlichen Charakter der gewaltigen Umwälzungen zu berufen."

Acki(R)

14.10.2019, 07:05

@ Acki

Praxistest: 30 JahreBlühende Landschaften Ost? Beispiel Gera

Am Wochenende, dem 12./13. Oktober 2019, veröffentlichte die junge Welt diesen interessanten lesenswerten längeren Beitrag auf der Themenseite:

30 JAHRE »WENDE«
Bloß noch Altlast
Der ehemalige »Kulturpalast Wilhelm Pieck« in Bitterfeld steht trotz Denkmalschutz 65 Jahre nach seiner Eröffnung zur Disposition. Der Abriss droht. Plädoyer für eine neue Kulturrevolution


http://www.jungewelt.de/artikel/364...hre-wende-bloß-noch-altlast.html

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