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Beate(R)

14.06.2019, 08:17
 

Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung (Infos)

Nicht vorbei
In Leipzig findet eine Tagung zum Umgang mit der DDR-Literatur statt

Am 14. August 2016, zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag, starb der Schriftsteller Hermann Kant in seinem Wohnort Neustrelitz. Seit Mitte der 90er Jahre war der Verfasser von Romanen wie „Die Aula“ und „Der Aufenthalt“, die mit Recht als Jahrhundertromane bezeichnet werden können, in dem kleinen Dorf Prälank zu erreichen, das in die Kleinstadt eingemeindet wurde. Auf dem winzigen Waldfriedhof des Ortes ist sein Grab – inmitten der kleinen mecklenburgischen Seenplatte, wo ein See in den anderen übergeht, bewaldete Hügel, Heideflächen und Wiesen eine der schönsten Landschaften der Bundesrepublik formen – eine Idylle.
Zu seinem Geburtstag hatte ihn die „Mitteldeutsche Zeitung“ angerufen. Er sagte ihr zum Umgang mit ihm und mit der DDR hierzulande: „Manchen kann es nicht vorbei genug sein, sie wollen immer noch einmal siegen.“ Das war, als hätte Kant schon die Nachrufe auf sich selbst gekannt. Die „Deutsche Presseagentur“ lieferte an seinem Todestag einen Text, der vielfach nachgedruckt wurde. Er enthielt die gekürzte Fassung eines Satzes, den der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920 – 2013) am 10. Oktober 1991 in der Fernsehsendung „Literarisches Quartett“ bei einer Diskussion über Kants autobiographisches Buch „Abspann“ formuliert hatte: „Er ist ein Spitzbube, er ist vielleicht ein Halunke, ein Hallodri. Aber schreiben kann er, schreiben kann er.“ Das war nicht besonders originell. Bei Bertolt Brecht („Gute Lyrik, aber politisch unmöglich“), bei Anna Seghers oder Arnold Zweig läuft es bis heute in der seit 1990 erweiterten Bundesrepublik ähnlich. Bei der dpa war von Reich-Ranickis Satz nur ein verstümmelter Rest übrig: „Vielleicht ist er ein Halunke, aber schreiben kann er.“ Daraus wurden 2016 Schlagzeilen wie „Ein Halunke‹, der schreiben konnte“ (Schweriner Volkszeitung, Kölner Stadtanzeiger), „Ein schreibender Halunke“ (Frankfurter Neue Presse/Taunus-Zeitung), „Der verehrte Halunke“ (Freie Presse), „Er war ein Halunke, der schreiben konnte“ (Luzerner Zeitung) und ähnliches. Der Journalist Holger Becker konstatierte: „Wer in diesen Tagen bei Google als Suchwort Halunke eingab, bekam als dazu passende Person an allererster Stelle den gerade verstorbenen Kant präsentiert.“
Der Wille, die DDR, die Kultur eines sozialistischen Landes und einen Schriftsteller wie Hermann Kant immer noch einmal zu besiegen, wird bei passendem Anlass übermächtig. Wer eine „kalte Bücherverbrennung“ (Peter Sodann) durchgezogen hat, unterliegt einem gewissen Rechtfertigungsdruck.
Angesichts des Medienexzesses nach Kants Tod machte Holger Becker den Vorschlag, einen „Erinnerungsort für Hermann Kant“ zu schaffen. Staatliche Förderung ist beim Stand der Dinge nicht zu erwarten, privat wäre das Vorhaben nur bei einer größeren Zuwendung zu bewältigen. So entstand die Idee, eine Tagung von Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und Rotfuchs-Förderverein zur DDR-Literatur zu veranstalten, die der Frage nachgeht: Was ist geblieben? Diese Tagung findet nun am Sonnabend der nächsten Woche in Leipzig statt. Als Überschrift wurde gewählt: „Leseland ist abgebrannt? Zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990“. Fast 30 Jahre nach dem DDR-Anschluss soll die Frage erörtert werden, was sich seit den Zeiten nach 1990 verändert hat. Ist der kulturelle Graben zwischen Ost und West breiter geworden? Warum liegen DDR-Kinderbücher in Neuauflagen wieder in den Buchhandlungen, Belletristik aus der DDR aber nicht? Warum versucht die intellektuelle Rechte, sich der DDR-Kultur zu bemächtigen? Auf der Tagung sollen Bausteine für Antworten auf solche Fragen zusammengetragen werden. Die Literaturwissenschaftlerin Sabine Kebir wird über unterschiedliche Rezeption der Werke von Elfriede Brüning (1910 – 2 014) in Ost und West sprechen, der Leiter der Eulenspiegel-Verlagsgruppe und Literaturwissenschaftler Matthias Oehme seine Erfahrungen als Verleger von DDR-Literatur nach 1990 darlegen. Der Literaturwissenschaftler Kai Köhler befasst sich mit der Darstellung von DDR-Literatur in Lexika und Nachschlagewerken seit 1990, der Autor dieses Textes mit der im Bundeskanzleramt koordinierten Kulturpolitik zur DDR. Der Leipziger Schriftsteller Norbert Marohn fasst seine Erfahrungen unter dem Thema „Die Angst vorm andern. Literarische Versuche in vier Jahrzehnten DDR“ zusammen. Nicht nur Buch- und Literaturliebhaber, sondern Interessenten aller Art sind herzlich eingeladen.

Leseland ist abgebrannt?
Zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990.
Tagung am 22. Juni in Leipzig, Villa Davignon, Friedrich-Ebert-Straße 77, 10 Uhr bis 17 Uhr. Eintritt 4 Euro


Quelle: uz, 14.06.2019
http://www.unsere-zeit.de/de/5124/vermischtes/11523/Nicht-vorbei.htm

Sarah(R)

16.06.2019, 00:48

@ Beate

Thesen zu Stand und Gehalt der DDR-„Aufarbeitung“

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Artikel aus dem aktuellen RF 257 (06/19), S.25, ein, der einen Auszug beinhaltet aus dem Buch von Matthias Krauß: Die große Freiheit ist es nicht geworden. Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2019, 256 S., 14,99 €

1. Weil das heute in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild von der DDR allein die Annahme duldet, daß sie keinerlei Werte verkörpert hat, nichts von Wert anstrebte und schon gar nichts von Wert schuf, ist es falsch oder zumindest einseitig. Historische und beweisbare Tatsache ist vielmehr, daß dieser Staat sich wertvollste Dinge vornahm und – auf bestimmten Feldern – dabei erstaunlich weit gekommen ist.
2. Die DDR hatte zweifellos gewaltige Nachteile, aber diese Nachteile ergaben sich vielfach aus ihren Vorzügen. Und das galt auch umgekehrt. Diese Zwiespältigkeit bestimmte schon zu ihren Lebzeiten die Haltung der DDR-Bürger zu ihrem Staat und tut dies auch im Rückblick. Vieles in diesem Staat hat wirklich und auch sehr gut funktioniert. Die DDR gab sich immer als materialistisch gestimmtes Gemeinwesen aus – tatsächlich war sie aber ein Staat, der in heute kaum vorstellbarem Maße idealistisch war und an den Idealismus appellierte.
3. Gehaßt wurde und wird die DDR heute wie damals weniger für ihre problematischen oder auch „verbrecherischen“ Züge. Gehaßt wird die DDR vor allem für die Dinge, mit denen sie recht hatte und in denen sie mitunter sogar Vorbild war. Denn sie hat der West-Gesellschaft in wichtigen Fragen den Spiegel vorgehalten. Die Erleichterung darüber, daß dieser Spiegel nun blind geworden ist, und die Skrupellosigkeit, mit der Ungerechtigkeit und Zynismus im heutigen Deutschland Konjunktur haben, sind ebenfalls nicht voneinander zu trennen.
4. Beim geschichtlichen Rückblick deutscher Medien und Politiker werden konsequent die für diesen DDR-Staat ungünstigsten Erscheinungen gewählt. Andere bleiben ausgeblendet, und vor allem wird niemals beleuchtet, welche dieser trüben Erscheinungen vom Westen erst provoziert worden sind. Was in Deutschland unter dem Label „Aufarbeitung“ abläuft, erfüllt nicht die Kriterien von Aufarbeitung, sondern die der Propaganda. In diesem Fall also der Geschichtspropaganda.
7. Der heutige Umgang mit der verblichenen DDR hat wenig mit vergangenen, sondern vielmehr mit gegenwärtigen politischen Fragen zu tun. (Wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, der beschäftigt sich mit der Gegenwart, ob er will oder nicht.) Angesichts der zunehmenden Unfähigkeit der heutigen Eliten, gesellschaftliche Probleme zu lösen, drängt sich dabei der Verdacht auf, daß jegliches Denken in und das Erforschen von Alternativen unterbunden werden soll. Und für das Aufspüren von solchen Alternativen ist die DDR ein reicher Fundus.
10. Die irrationalen Haßgesänge auf die ins Grab gesunkene DDR, wie sie noch Jahrzehnte nach ihrem Ende von den Medien immer lauter angestimmt werden, und die seelische Verarmung und Verelendung im Osten Deutschlands, die Zunahme von Ungerechtigkeit und Zukunftsangst, gehören zusammen.

Sarah(R)

16.06.2019, 20:01

@ Sarah

Die große Freiheit ist es nicht geworden

RF-Chefredakteur Arnold Schölzel schreibt übrigens in seiner Buchkritik zum Thema GUNDERMANN in der o.g. Ausgabe:

(...) Nach fast 30 Jahren westdeutschen Herrenvolk-Umgangs mit der DDR läßt sich sagen: Fachleute haben immer noch keine Chance. Und die Aussichten stehen gut, daß das so bleibt. Halluzinationen wie die von „Stasi“ und „Unrechtsregime“ sind heute Drehachsen von Filmproduktionen (CDU-Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Ko-Sponsorin vom „Gundermann“ des Regisseurs Andreas Dresen, nominierte „ihren“ Film gleich zehnmal für den Deutschen Filmpreis „Lola“), und das Fernsehen entkommunisiert Brecht zum
gefühlt 50. Mal. In Zeiten von Aufrüstung, Kriegsvorbereitung und Neufaschisten ist der Bedarf an Antikommunismus besonders groß, vor allem an dem von links bis liberal.
Ein Buch mit dem Titel „Die große Freiheit ist es nicht geworden. Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat“, hat da wenig Erfolgsaussichten. Verfasser ist Matthias Krauß, freier Journalist in Potsdam und jW-Autor. Leser seiner Texte wissen, daß sie es bei ihm nicht mit polternder oder sentimentaler Rechthaberei, sondern mit trockenem Witz, leiser Ironie und genauer Kenntnis Ostdeutschlands zu tun haben. Ein preußischer Lakoniker. Das schließt Engagement ein, angefangen bei der Wahl des Titels, der einem Gedicht Erich Kästners von 1951 auf die BRD entnommen ist. Krauß stellt seinem Text einen Auszug voran und kommentiert: „Diese Zeilen sind inzwischen auch Ostdeutschland wie auf den Leib geschrieben.“ In der „Süddeutschen Zeitung“ stand zu so etwas: „Matthias Krauß nörgelt über den Stand der deutschen Einheit“ – was Unfug ist, aber als Primatenurteil gnädig. Krauß (geboren 1960) schreibt im ersten der 25 Abschnitte seines Buches zur Klärung, er kämpfe seit 30 Jahren „um den postumen Ruf der DDR“, ohne „dunkle Seiten zu bestreiten und bedenkliche oder fragwürdige Dinge zu verharmlosen“. Es gehe ihm „allein darum, dem einseitigen Mainstream etwas entgegenzusetzen“. Vergebliche Mühe? Nun, es gibt Gundermann jenseits von Dresen, Brecht jenseits der ARD und hartnäckige Tatsachen jenseits der, wie Krauß sie nennt, „tiefgestaffelten Aufarbeitungsindustrie“. Beidem widmet er sich. Krauß beginnt mit der Wiedereinführung von Krieg und schreibt, der DDR-Bürger habe in einem Land gelebt, „das Frieden hielt und dessen Politik Friedenspolitik war“. Er sei jetzt „Bürger eines deutschen Staates, der Kriege führt“. Und weiter: „Der Fall der Berliner Mauer markierte das Ende der längsten Friedensphase, die Europa in seiner Geschichte erlebt hatte.“ Das Bauwerk sei „steingewordenes Symbol für den europäischen Frieden“ gewesen.
Krauß durchforstet und kommentiert auf diese Weise viele Politikfelder, seine Befunde sind nicht schön: In der DDR herrschte soziale Durchmischung – heute dominieren Spaltung und Entsolidarisierung, vom Bevölkerungsschwund durch Abwanderung (er zählt 2,3 Millionen Weggezogene, eine neuere Studie 5,2 Millionen) ganz zu schweigen. Die „Nischengesellschaft“, als welche die DDR
in den „deutschen Heldensagen“ auftauche, begann für Ostdeutsche 1990. Die These, die SED habe „das Bürgertum“ beseitigt und die Bevölkerung „proletarisiert“, ist ein albernes Märchen: Vor 1990 Bildungs- und Aufstiegschancen für fast alle, danach Abwicklung, Arbeitslosigkeit und Niedriglöhne für fast alle. Spürbar grimmig wird der Autor beim Kapitel
über die aus dem Westen importierte, durch Geldgier und Privilegiengeilheit aufgefallene Beamtenschaft. Deren Pensionen liegen im Durchschnitt viermal so hoch wie ostdeutsche Renten. Das sind Welten. Er schildert weitere „Erfolge“ auf dem Land, in der Wohnungs-, Finanz- und Bildungspolitik, in der Justiz, die Auschwitz mit dem DDR-Gefängnis Bautzen gleichsetzte, und schreibt zur Situation ostdeutscher Frauen: 1990 hatten mehr als 90 Prozent (!) der DDR-Frauen über 25 Jahren einen Berufs- oder akademischen Abschluß gegenüber 35 Prozent in der BRD – das „wirkliche Erbe von DDR-Bildungsministerin Margot Honecker“.
Den Abschnitt zu „Verfolgung als Daseinsweise“ überschreibt Krauß mit „Hexe, Jude, Stasi-IM“. Sein Argument: Es sei „nicht illegitim, bestürzende Parallelen herauszuarbeiten und gleichzeitig die völlige Verschiedenheit in ihren Auswirkungen herauszustellen“ – keine Gleichsetzung. Er nennt neun Gemeinsamkeiten, darunter Verfolgung ohne Straftat, Berufung auf Moral, staatliche Sondergesetze, fundamentalistischen Reinheitsfimmel und
die disziplinierende Warnung an alle. Deutschland sei mit der Jagd auf IMs lange vor Donald Trump „im ,postfaktischen Zeitalter‘ angekommen“.
Krauß hat eine exemplarische Studie über die „Vorkriegszeit“, deren Beginn er richtig auf 1990 datiert, geschrieben. Das Verhör Brechts in Washington 1947 fand – zwei Jahre nach Hiroshima und Nagasaki – unter
der Drohung statt, das US-Atombombenmonopol gegen die Sowjetunion auszunutzen. Das Wissen darum machte Brecht zum Experten. Krauß ist auch einer.


Wirklich lesenswert!

Beate(R)

21.06.2019, 06:44

@ Beate

Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung

DEBATTE ÜBER OSTDEUTSCHE AUTOREN
»Selbst Christa Wolf wurde ›geschlachtet‹«
Wie wird heute mit DDR-Literatur umgegangen? Fragen aus Anlass einer Tagung am Sonnabend. Gespräch mit Ronald Weber
Interview: Arnold Schölzel

Ronald Weber ist Literaturwissenschaftler und jW-Redakteur

»Leseland ist abgebrannt? Zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990«. Tagung am Sonnabend in Leipzig, Villa Davignon, Friedrich-Ebert-Str. 77, 10 bis 17 Uhr. Eintritt 4 Euro.

Information: marx-engels-stiftung.de

An diesem Sonnabend findet in Leipzig eine Tagung statt, die den Umgang mit DDR-Literatur nach 1990 zum Inhalt hat. Sie haben 2018 eine Biographie zu Peter Hacks vorgelegt. Warum interessiert sich ein junger Westdeutscher wie Sie für ostdeutsche Literatur?

Wer in den 2000er Jahren Literaturwissenschaft studierte, kam an Heiner Müller nicht vorbei. Das öffnete den Blick auch für andere Autoren. Hinzu kam, dass ich in einem politischen Umfeld sozialisiert worden bin, das ein eher positives Verhältnis zur DDR hatte oder doch zumindest Verständnis für ihre Probleme.

Hat dieses Kennenlernen Ihre politische Haltung beeinflusst?

Das war bei den Büchern von Hermann Kant in Bezug auf den Faschismus auf jeden Fall so. Sein »Impressum« habe ich früh gelesen. Auch Werner Bräunigs »Rummelplatz« und Brigitte Reimanns »Franziska Linkerhand« waren prägend. Beides sind Romane, bei deren Lektüre man viel über den Sozialismus lernen kann.

Gewissermaßen wie Nachrichten aus einem fernen und untergegangenen Land?

Ja, natürlich, man liest das heute wie Heinrich oder Thomas Mann: Man bekommt ein Bild von der geistigen Zeitsituation. Das gilt nicht nur für die großen DDR-Romanen, sondern auch für die Dramatik. Man denke an Peter Hacks und seine wunderbar leichten Stücke aus den 1960er Jahren. In der Kurzprosa von Hermann Kant oder Günther Rücker ist zudem auf eine sehr angenehme, lustige Weise viel über die Schwierigkeiten und Widersprüche im Sozialismus zu lesen.

Hat die Arbeit an der Hacks-Biographie Ihren Blick auf die DDR-Literatur noch einmal verändert?

Ja, sehr. Ich habe viele Dramentexte aus den späten 40er und 50er Jahren von Autoren gelesen, die heute kein Mensch mehr kennt. Dadurch bekommt man einen Eindruck vom Gesamtbild. Auch mein Blick auf die Kulturpolitik hat sich verändert, die keineswegs monolithisch, sondern höchst widersprüchlich war.

In der politischen sowie der Wirtschaftsgeschichte gab es Zeiten des Aufschwungs und der Stagnation – und in der Literatur?

Ab Mitte der 1950er Jahre blühte die Dramatik. Da trat eine neue Generation an, deren Fixstern Brecht war. Bei den Romanen begann der Aufschwung Anfang der 60er Jahre mit der »Ankunftsliteratur«, für die Christa Wolf und Brigitte Reimann stehen. Ähnlich ist es mit der Lyrik: Sarah und Rainer Kirsch, Karl Mickel und viele andere wären hier zu nennen. Der Grundton ist bei aller Kritik optimistisch, hoffnungsfroh. Das wird fortgeführt bis in die 70er Jahre. Danach setzt sich die Auffassung durch, dass es mit diesem Sozialismus nicht gehen wird. Natürlich erscheinen auch in den 80er Jahren in der DDR noch wunderbare Texte, aber der Schwung ist einfach weg.

DDR-Literatur wurde in den 70er Jahren in der BRD viel gedruckt. Nach 1990 dominierten Behauptungen, es habe keine gegeben, sondern nur Agitation. Wie ist der Stand heute?

1990 hat das westdeutsche Feuilleton in der sogenannten deutsch-deutschen Literaturdebatte den Stab über die DDR-Autoren gebrochen. Selbst Christa Wolf wurde »geschlachtet«. In der Literaturwissenschaft spielt das heute keine Rolle mehr. Wer noch immer behauptet, die Ost-Autoren seien nur Funktionäre und Auftragsschreiber gewesen, stellt sich selbst ins Abseits. Es gibt aber noch das alte politische Spiel: Weil Kant oder Hacks sich nicht von der DDR distanziert haben, begegnet man ihnen mit Distanz.

Was bleibt?

Das wird sich erst in 50 oder 60 Jahren herausstellen. Dazu wird sicherlich auch die Kinderliteratur gehören, die seit geraumer Zeit immer wieder neu aufgelegt wird.

Quelle: junge Welt vom 21.06.2019, Feuilleton, Seite 8
http://www.jungewelt.de/artikel/357...sta-wolf-wurde-geschlachtet.html

Sarah(R)

26.06.2019, 08:11

@ Beate

Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung

DDR-LITERATUR
Träge Textgattung
»Hochideologisch«: Tagung zum Umgang mit DDR-Literatur in Leipzig


Das »beste Buch über die DDR« erschien lange nach ihrem Ende im Jahr 2007: Werner Bräunigs (1934–1976) Roman »Rummelplatz«. Das meint der Leipziger Schriftsteller Norbert Marohn in seinem Essay aus dem Jahr 2016 »Die Angst vorm Anderen. Literarische Versuche in vier Jahrzehnten DDR«. Er trug seinen Text zu Beginn einer Tagung vor, die unter dem Titel »Leseland ist abgebrannt? Zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990« am vergangenen Sonnabend in Leipzig stattfand. Sie wurde gemeinsam von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und der örtlichen Regionalgruppe des Rotfuchs-Fördervereins getragen, mehr als 60 Interessierte waren gekommen und beteiligten sich lebhaft an der Diskussion.

Das Paradox: Bräunigs Roman, der in der DDR nicht erscheinen durfte, hatte bei seiner Veröffentlichung beachtlichen Erfolg. Marohn sieht in »Rummelplatz« ein Buch, das »spezifisch Unverwechselbares« der DDR-Literatur zeige: ihre Existenz im Kalten Krieg, d. h. »nicht nach eigenen Bedingungen«. Wo Bräunig eine »utopische Lösung« gesucht habe, spiegelten allerdings die Essays von Christa Wolf, Franz Fühmann und Volker Braun ab den 70er Jahren, als die DDR »stabiler denn je« gewirkt habe, beunruhigende Erscheinungen gesellschaftlicher Stagnation.

Die Vielfalt der DDR-Literatur hob auch die Publizistin Sabine Kebir hervor. Sie schilderte die Werkgeschichte Elfriede Brünings (1910–2014), deren »Alltagsprosa« in Westdeutschland nie beachtet worden sei. Dabei habe sie seit ihren ersten Veröffentlichungen in der Weimarer Republik konsequent ein Thema verfolgt, das durch den Feminismus seit den 70er Jahren aktualisiert worden sei: Frauen als »patriarchalisch ausgebeutete Objekte, die Subjektstatus beanspruchen«. Die Referentin, die 2016 eine umfangreiche Biographie Brünings vorgelegt hatte, schilderte u. a., wie deren Haltung immer wieder zu Konflikten mit prüden Auffassungen von Geschlechterverhältnissen in der KPD, aber auch in der DDR führte.

Auch die weniger bekannten DDR-Autoren, etwa Verfasser von Kriminalliteratur oder Science Fiction, hätten 1990 nicht aufgehört zu schreiben, betonte der Verleger und Literaturwissenschaftler Matthias Oehme, Leiter der Eulenspiegel-Verlagsgruppe. Die DDR-Literatur habe unter radikal veränderten Bedingungen weiterexistiert. Er zeigte u. a. an Hand einer Lesung aus Uwe Kants Roman »Mit Dank zurück« aus dem Jahr 2000, was das bedeutete: Verlust an Lesern, Verschweigen oder Häme in den Medien, Verschwinden des Lektorats, dafür Aufblähung des Marketings, neue Konflikte zwischen Verlagen und Autoren, weil letztere sich schlecht behandelt fühlen. In der Flut der 90.000 Titel, die heute jährlich auf dem Buchmarkt erscheinen, gehen diejenigen, die sich auf die DDR beziehen, unter.

Allerdings sei der Umgang mit der DDR-Literatur nach wie vor »hochideologisch«, erklärte der Literaturwissenschaftler Kai Köhler, der über deren Darstellung in Lexika und Handbüchern sprach. Gerade weil diese »träge Textgattung« als objektiv gelte, erreiche sie hohe Wirksamkeit – erst recht nach der Einführung des Bachelorstudiums im Jahr 2000, das sich vorrangig auf Sekundärquellen stütze. Was dort stehe, gelte als »gesicherte Information«, dabei hänge die Gewichtung von Zufällen ab, die Beiträge zu Autoren oder Werken seien stark verkürzt oder verzerrt. So befasse sich der Wikipedia-Eintrag zu Hermann Kant (1926–2016) mehr mit dessen Akte beim Ministerium für Staatssicherheit als mit seinem Werk. Köhler analysierte den Wandel der Bewertungen vor und nach dem DDR-Anschluss u. a. in den verschiedenen Auflagen von »Kindlers Literaturlexikon«. Wer »staatsnah» war, erhalte nach 1990 kritischere Noten. Analoges gilt nach ihm auch für andere »Standardwerke«. So finde in Reiner Ruffings »Deutsche Literaturgeschichte« von 2019 DDR-Literatur auf sechs Seiten von mehr als 300 statt. DDR-Autoren bezeichne Ruffing als »rigide Fans des Sozialismus«. Heiterkeit erzielte Köhler, als er den Wandlungen in der 1981 erstmals erschienenen und seither oft aufgelegten »Kleinen Literaturgeschichte der DDR« des Bremer Germanisten Wolfgang Emmerich nachging. Dessen Blick auf die DDR, der er einen »Kredit« eingeräumt habe, habe sich nach eigenen Worten nach 1990 »nicht unbeträchtlich verändert« – von »kein Rechtsstaat« bis zu »Loyalitätsfalle Antifaschismus«. Köhler: Statt ästhetischer gebe es nur politische Wertung – bei Milderung des Tons.

Die Zeitschrift Marxistische Blätter http://www.neue-impulse-verlag.de/kategorie/marxistische-blätter veröffentlicht in ihrem im Juli erscheinenden Heft zur DDR-Kultur u. a. Beiträge von Sabine Kebir und Kai Köhler.

(Aus: junge Welt; Ausgabe vom 26.06.2019, Seite 10 / Feuilleton)
http://www.jungewelt.de/artikel/357...literatur-träge-textgattung.html

Beate(R)

29.06.2019, 06:49

@ Sarah

Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung

„Leseland ist abgebrannt“
Eine Tagung zur DDR-Literatur und was daraus wurde


Im Leipziger Bachviertel gelegen, eingebettet zwischen einer großen Baustelle und dem Elstermühlgraben, befindet sich die Villa Davignon. Hier fanden sich am 22. Juni knapp 90 Personen ein, um Beiträge zur DDR-Literatur und den Umgang mit ihr nach 1990 zu hören und zu diskutieren. Insgesamt standen fünf Beiträge zur Debatte.
Den Anfang machte Norbert Marohn, der aus seinem Werk „Die Angst vor dem Anderen“ las. Darin spiegelt er die Auseinandersetzung in der DDR mit der eigenen Literatur wider. Wie grenzte man sich gegenüber der West-Literatur ab? Inwiefern zur Vergangenheit? Zwei weitere Teile waren ein Bericht über das Engagement Franz Fühmanns für das Werk Georg Trakls in der DDR sowie das zeitkritische Buch „Rummelplatz“. 1967 wurde es geschrieben, aber erst 2007 veröffentlicht. Aus dem Publikum kam die Frage nach der Stellung der SchriftstellerInnen im Sozialismus, dabei vor allem die Rolle eines individuell Schaffenden innerhalb einer kollektiv ausgerichteten Gesellschaft.
Das zweite Referat wurde von Sabine Kebir über Elfriede Brüning gehalten. Von der Hans-Böckler- Stiftung erhielt sie ein Wissenschaftsstipendium zur Erforschung ihres Werkes. Im Vordergrund ihres Schaffens standen arbeitende Frauen. 1930 wurde sie Mitglied im Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller. Nach 1933 lebte sie vom Schreiben von Unterhaltungsliteratur. In der DDR der 50er Jahre hatte sie Probleme, Werke zu veröffentlichen. Sie machte klar, dass die Vereinbarkeit von Arbeit und Haushalt nicht so einfach zu bewältigen war, wie offiziell dargestellt. Probleme wie „Asozialität“ in Familien, Jugendkriminalität und Heimerziehung wurden von ihr beschrieben. Sie war die einzige Autorin, die ein Buch zu den Jugendwerkhöfen schrieb. Insgesamt wurden in der DDR 1,5 Mio. Bücher von Brüning verkauft.
Matthias Oehme, Literaturwissenschaftler und Mitarbeiter des Eulenspiegel-Verlages, las einen Text von Uwe Kant, „Mit Dank zurück“. Er führte die These aus, dass die DDR-Literatur nach 1990 weiterbestand, auch getragen von vorher eher mittelrangigen SchriftstellerInnen. Der Eulenspiegel Verlag verlegt auch vieles, was Rang und Namen hat(te), wie Neutsch, Brezan, Renn, Brecht, insgesamt ca. 3 000 bis 4 000 Titel. Unbeeindruckt von der Abwertung als „Nostalgie-Verlag“, werden Jahr für Jahr 70 bis 80 Titel neu herausgegeben. So beklagens- wie nachdenkenswert war die Aussage Oehmes zur letzten Büchervernichtung: Als die 78 DDR-Verlage nach 1990 zu Schleuderpreisen übernommen wurden und es nun kaum noch Käufer für diese Bücher gab, hätten diese gelagert werden müssen (wohl bis zur Zersetzung). Also die „kulturlose, aber ökonomisch notwendige“ Vernichtung.
Kai Köhler referierte dazu, wie DDR-Literatur in Lexika behandelt wird, indem er die Veränderung von Artikeln über SchriftstellerInnen und deren Werke über die letzten Jahrzehnte nachzeichnete. Dabei waren vor allem AutorInnen Thema, die schon vor 1990 im Westen rezipiert wurden. Viele Beschreibungen zeigen scharf die ideologische Motivation der ArtikelschreiberInnen. So hat es ein Autor tatsächlich geschafft, in einem Artikel den Sozialistischen Realismus mit der preußischen Kulturpolitik zu vergleichen.
Arnold Schölzel referierte zum Thema „DDR-Kultur im bundesdeutschen Rückblick“ und rezipierte in seinen Thesen vor allem Peter Hacks. So zum Beispiel die Charakterisierung des Kalten Kriegs als „Seelenkrieg“ um die Köpfe. So manche Aussage bleibt diskussionswürdig: dass die „Medienwelt … der letzte US-Exportartikel“ sein soll. Dass die Internationalisierung auch der DDR-Architektur als „Kitsch“ abgetan wird. Oder dass der Begriff Imperialismus aus der Forschung „verschwand“. Er führte weiter aus, wie die Diskreditierung vieler namhaften DDR-Kulturschaffender als „Handlanger“ der SED Usus in der bundesdeutschen Forschung ist. Damit in Zusammenhang zu stellen ist die massenhafte Zerstörung kultureller Einrichtungen nach 1990 im Osten Deutschlands: Von den 18 118 Bibliotheken und 848 Klubhäusern wurde die Mehrheit geschlossen, sodass nur noch ungefähr 4 000 Bibliotheken und rund 350 Klubhäuser übrig blieben.

Beate(R)

29.06.2019, 06:51

@ Beate

Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung

Was bleibt nun also von der Literatur dieses vor 30 Jahren untergegangenen Staates? Wer die DDR verstehen will, muss ihre Literatur lesen. Wer die Zukunft sozialistisch gestalten will, kommt ebenso schlecht um sie herum. Und was bleibt von dieser Konferenz? Oder um eine Frage Schölzels aufzugreifen: Was bleibt von DDR-Literatur in Zeiten von Internet und social media? Es muss deutlich gesagt werden: Die Nachwendegeborenen im Publikum konnte man an einer Hand abzählen. Wie sollen zukünftige Generationen an das Thema DDR-Literatur herangeführt werden? Wie können wir dem bürgerlichen Konsens in der öffentlichen Betrachtung besser begegnen? Soll eine progressive Forschung – wie im Zusammenhang mit dieser Konferenz – ihr Nischendasein verlassen, müssen neue Fragen formuliert und alte Antworten überdacht werden.

Quelle: unsere zeit, Ausgabe vom 28. Juni 2019

http://www.unsere-zeit.de/de/5126/v...38/„Leseland-ist-abgebrannt“.htm

GUNDERMANNFAN(R)

29.06.2019, 18:44

@ Beate

Zum Umgang mit der DDR-Literatur: Tagung

Keine Angst, es ist alles in besten Händen. Ein lesender Arbeiter reicht.

www.psb-staucha.de

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